Irakische Truppen in Mossul | Bildquelle: AFP

Sturm auf die Altstadt Angst um die Zivilisten in Mossul

Stand: 19.06.2017 04:12 Uhr

Die entscheidende Phase des Kampfes gegen den IS in Mossul hat begonnen. Irakische Soldaten rücken in die engen Straßen der Altstadt vor. Nun droht ein blutiger Häuserkampf.

Von Cornelia Wegerhoff, ARD-Studio Kairo

"Das ist das letzte Kapitel",  kündigte der Kommandeur der irakischen Elite-Einheiten, Abdul Ghani al-Assadi, an. Schon im Oktober hat die qualvolle Geschichte begonnen, die er und seine Männer jetzt gerne zum Ende bringen möchten: die Befreiung Mossuls aus den Händen des IS. Stadtteil für Stadtteil wurde den Terroristen abgerungen.

Aber der Preis, der dafür gezahlt wurde, war hoch. Tausende Menschen starben in diesen neun Monaten. Hunderttausende mussten fliehen. Jetzt hat die entscheidende Phase der Offensive begonnen, der Sturm auf die Altstadt von Mossul.

"Wir führen jetzt einen heftigen Straßenkampf gegen den IS. Dabei können wir nur leichte Waffen benutzen", so Sabah al Noaman, der Sprecher der irakischen Antiterroreinheit, die an der Offensive beteiligt ist. "Wir kämpfen schon seit mehreren Monaten in diesen nur sehr kleinflächigen Gebieten, die dicht bevölkert sind. Unser Kampf gilt selbstverständlich nicht den Zivilisten dort. Jede Operation, jeder Sieg auf Kosten ziviler Opfer wird nicht als Sieg für unsere Kräfte gezählt werden können."

Augenzeugen berichten von hohen Verlusten

Hehre Worte, doch beruhigen können sie nicht. Die Altstadt ist der letzte Bezirk unter IS-Kontrolle in der einstigen Dschihadisten-Hochburg. Der historische Kern Mossuls hat zwar nur einen Durchmesser von maximal 1,5 Kilometern. Doch die engen, gewundenen Gassen sind dicht besiedelt. Schon bei den Kämpfen in den letzten Tagen waren die Verluste dort hoch, berichten Augenzeugen. Ein Sprecher des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz erklärte: "Jetzt kommt eine schreckliche Zeit auf die rund 100.000 Menschen zu, die noch in der Altstadt von Mossul eingeschlossen sind." Es bestehe eine große Gefahr, dass sie in die bevorstehenden schweren Straßenkämpfe verwickelt werden.

Bis zu 150.000 Zivilisten im alten Stadtzentrum?

Noch vor zwei Tagen hatten die Vereinten Nationen gewarnt, es könnten bis zu 150.000 Zivilisten im alten Stadtzentrum festsitzen. Irakische Hilfsorganisationen korrigierten die Zahl nach unten. Aber an der dramatischen Lagebeschreibung änderten sie nichts.

Mehr als die Hälfte der Eingeschlossenen seien Kinder. Viele seien durch die öffentlichen Hinrichtungen, die Auspeitschung und andere brutale Willkür-Taten des IS traumatisiert, hätten ihre Eltern, Geschwister und andere Angehörige verloren. Es gebe außerdem kaum noch etwas zu Essen. Auch sauberes Trinkwasser sei knapp. Und: Die Zivilisten würden als menschliche Schutzschilde benutzt.

"Die Lage der Menschen ist verzweifelt", so Lise Grande, UN-Hilfskoordinatorin für den Irak. Jeder, der versuche zu fliehen, werde von den IS-Terroristen erschossen. Die Extremisten hätten Scharfschützen positioniert.

Da nutzt es wohl nur wenig, dass gestern zum Beginn des Sturmes Flugblätter abgeworfen wurden. Darauf wurden die Menschen dazu aufgerufen, die Stadt über einen der fünf sicheren Korridore zu verlassen.

"Einen Monat vor dem Sturm auf die Altstadt hatten wir Pläne vorbereitet und Treffen mit den internationalen Partnern und den UN organisiert“, so Arfaan El Noueimy, Direktor der irakischen Flüchtlingshilfeorganisation Ninawe. "Dabei haben wir verschiedene Szenarien für solch einen Tag erarbeitet. Wir haben mit Hilfe irakischer Behörden ein Lager mit 4500 Zelten zur Aufnahme von 24.000 Flüchtlingen aufgebaut. Wir haben auch weitere Hilfsprogramme vorbereitet, um Lebensmittel auszugeben. Und wir können direkt in der Nähe der Altstadt Trinkwasser verteilen."

Erbitterter IS-Widerstand

Aber werden die Menschen inmitten der Kämpfe überhaupt in diese sicheren Zonen fliehen können? Er rechne bei dem Sturm auf die Altstadt von Mossul mit erbittertem Widerstand der IS-Kämpfer, erklärte General Abdel Ghani al-Assadi, der Kommandeur der irakischen Spezialeinheiten gestern.

Schließlich befindet sich dort auch die Moschee, in der IS-Führer Abu Bakr al-Bagdadi 2014 nach der Eroberung weiter Teil des Iraks und Syriens sein Kalifat ausrief. Ein Ort also auch mit großer symbolischer Bedeutung. Wenn er fällt, wäre  das faktisch auch das Ende des Kalifats im Irak, heißt es. Dann wäre auch das letzte Kapitel im Kampf um Mossul beendet.

Aber Sabah al Noaman, Sprecher der Anti-Terror-Einheit sagt:"Es ist sehr schwer zu sagen, bis wann wir unsere Operation beenden können.  Wir haben vor, es so schnell wie möglich zu tun. Aber wichtiger als der Faktor Zeit ist für uns die Unversehrtheit der Zivilisten. Das hat Priorität."

Sorge um Mossuls Zivilisten
C. Wegerhoff, ARD Kairo
19.06.2017 13:20 Uhr

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Über dieses Thema berichteten die tagesthemen am 18. Juni 2017 um 21:45 Uhr und Deutschlandfunk am 19. Juni 2017 um 05:42 Uhr.

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